Abschied aus der Berufsbeistandschaft und ein grosses Dankeschön


Ich verabschiede mich heute nach mehr als zwei Jahren als Berufsbeiständin. In dieser Zeit habe ich unglaublich viel gelernt, gelacht, ab und an ausgelassen geflucht und ab und zu ein Tränen vergossen.

Als Beiständin war es meine Pflicht, 59 Personen gemäss Beschluss der Behörde, nach den Vorgaben des Schweizerischen Zivilgesetzes, zu vertreten. Diese Vertretung und deren Umfang waren so unterschiedlich und einzigartig wie jeder Mensch an sich. Bei einigen hat sich dies überwiegend auf die Vermögensverwaltung beschränkt, bei anderen war ich in Themengebieten gefordert, welche weit darüber hinausgingen.

Ich war mit Situationen konfrontiert, welche tieftraurig waren, andere ausgesprochen amüsant. Ich habe Stunden damit verbracht, Steuererklärungen auszufüllen, Mobiltelefon-Abos zu sperren und Menschen dort zu begleiten, wo sie nicht in der Lage waren, sich selber in den Strukturen unserer Gesellschaft zurechtzufinden. Die KESB nennt das einen vorhandenen Schwächezustand. Jede/r meiner Klienten und Klientinnen hat einen solchen ausgewiesenen Schwächezustand; teilweise verursacht durch eine Behinderung, einen Unfall, durch Altersgebrechen, eine psychische Erkrankung oder einfach aus einer sehr schwierigen oder belastenden Lebenslage. Was diese Menschen ebenfalls haben, sind unvorstellbare Ressourcen und Strategien sich im Leben zurechtzufinden, so originell und eigen, wie nur der Mensch und seine Lebensgeschichte sie schreiben kann.

Ich erinnere mich an Frau B. welche mir kurz vor ihrem Tod geraten hat, mehr Zeit mit Kuchenessen und schönen Männern zu verbringen, Herr F. welcher mich gelernt hat, dass es möglich ist, an einem Selecta-Automat in Windeseile eine Telefonrechnung von CHF 390 zu generieren, Herr T. , welcher Liebeshoroskope für die Schütze-Frau im Wert von CHF 3600 bestellt hat, Frau Z. welche an einem Tag in 15 Apotheken dasselbe Parfum geklaut hat und immer gleich vorausschauend meine Visitenkarte verteilt hatte, Herr X. welcher die interessantesten Dinge gestohlen hat und die noch besseren Erklärungen dazu hatte, Herr B. ein Rollstuhlfahrer, welcher zwei Bauch-Weg-Roller im Mediashop bestellt hat, sowie einige Bambuskissen, deren Nutzen ich bis heute nicht verstanden habe… Ich könnte jetzt wohl endlos über diese Momente berichten.

Was mich jedoch tief berührt hat, waren vor allem diejenigen Momente in denen sie mich in einer Form haben teilhaben lassen an ihren schwersten, dunkelsten und schönsten oder gar letzten Stunden. Diejenigen Gespräche, in welchen ich tief in die Seele dieser Menschen blicken durfte, die Türen, die Sie mir faktisch und sinnbildlich geöffnet haben. Die Momente, in denen wir einfach nur zwei Menschen waren, die probiert haben aus einer Situation das Beste zu machen. Das waren die Momente, in denen ich meinen Beruf wunderbar, lehrreich und unübertrefflich grossartig fand. Augenblicke, die jeden administrativen und bürokratischen Kampf wert waren.

Durchschnittlich hätte ich für jeden dieser Menschen pro Monat nur ca. 13 Minuten Zeit gehabt. Diese 13 Minuten hätten alles umfassen müssen, jede Zahlung, jede Steuererklärung, jeden Haus- oder Heimbesuch, jedes Gespräch. So kam es, dass mich immer häufiger das Gefühl beschlich, zu wenig Zeit zu haben. Ich habe Stapel um Stapel priorisiert, Anliegen und Probleme nach "wie-schlimm-ist-es-wirklich" unterteilen zu müssen. Zugegeben war ich darin nicht wirklich gut, was mitunter auch zu meiner Entscheidung geführt hatte, diese Stelle zu verlassen.

Ich will nicht mehr keine Zeit haben zuzuhören und mit meinen Gedanken bereits eine Lösung suchen. Ich will in dem Augenblick, in dem ein Mensch einen anderen Menschen braucht, vollständig präsent sein, zuhören und mittragen können.

Ich glaube nicht, dass die Berufsbeistandschaft dafür gemacht ist. Das ist sehr schade, denn es ist ein wunderbar farbiger, vielseitiger und spannender Beruf. Könnte ich das Budget des Staates ändern, würde ich wohl jedem Beistand nur halb so viele Klienten zuteilen. Aber das ist ein anderes Thema. Heute sage ich nur Danke. Danke, dass ihr mir vertraut habt. Mal mehr und mal weniger.

Danke für die berührenden und lieben Karten, Worte, Geschenke und all die grossartigen

und intensiven Zeiten mit euch und euren Angehörigen.


Es war mir eine Ehre, euer Bestand sein zu dürfen…



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